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Cholerikerchefs, Mobbingkollegen, Hierarchiejunkies und Co

Eigentlich sollte der Blog "Abenteuer Beruf" heißen, denn es ist tatsächlich abenteuerlich, was man in einem fast 30-jährigen Berufsleben vor Augen und Nase bekommt - von den Ohren ganz zu schweigen. Wenn ich überlege, wie lange ich mir das angetan habe, dann bin ich selbst überrascht. Höre ich allerdings die Geschichten von anderen, bei welchen sich mir die Nackenhaare sträuben, dann schätze ich mich wieder glücklich, weil ich im Grunde sehr viel Glück mit meinen Arbeitgebern, Teamkollegen und Vorgesetzten hatte.

Das bedeutet auch, dass es sich bei den hier von der Seele geschriebenen Geschichten eher um die Ausnahmen handelt, als um die Regel. Lieber und öfter erinnere ich mich an die vielen "Guten" - ob nun Kollegen oder Chefs - es gab sie zahlreich. Und dennoch haben es manche der negativen Ausnahmen geschafft, mir den Arbeitsalltag nachhaltig zu vermiesen. Einige davon haben mich sogar bis nach Hause und schlimmer, bis in den Schlaf verfolgt.

Selbst wenn es bereits lange her ist, es hat mich viel zu lange beschäftigt und zumindest vorübergehend negativ gestimmt. Ich war noch keine 30 Jahre, hatte, nachdem die letzte Firma zugesperrt wurde, kurz danach wieder einen Job gefunden, in dem auch meine Golden Retriever Hündin willkommen war. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich im Beruf stets Menschen um mich gehabt, mit denen es sich gut aushalten und arbeiten ließ. Nun kam ich in ein Team, das - wie sich rasch heraus stellte - nicht nur das Büro, sondern auch Freizeit und Drogen miteinander teilte. Während man unter tags Kunden telefonisch supportete und Software-Updates verschickte, traf man sich abends zum gemeinsamen Abhängen und "Rauchen". Und um dies auch weiterhin tun und offen im Büro drüber reden zu können, wurde ich zu den abendlichen Events eingeladen. Wer selbst mittut, wird sie kaum vernadern, so dachten sie.

Die Weigerung, mich in diese seltsame Freizeitgestaltung involvieren zu lassen, war der Auslöser für meinen ersten Job-Horror. Weder die beiden jungen Herren noch die schon etwas angegraute Dame kommunizierten ab nun persönlich mit mir. Ich befand mich zu der Zeit gerade in einer sehr intensiven Einschulungsphase und die Lernfortschritte stagnierten damit völlig. Man zerriss sich bei jeder erdenklichen Gelegenheit das Maul über mich - WÄHREND ich im Raum war und ungläubig lauschte. Aber das Abenteuerlichste daran war die Erklärung, die man dafür fand: die Kollegin war bei "ihrer" Wahrsagerin vorstellig geworden. Und diese hatte ihr eine gar böse Zukunft vorher gesagt => jemand Neuer in ihrem beruflichen Umfeld würde an ihrem Sessel sägen und sie in Folge den Job verlieren. In Gesprächen mit den beiden männlichen Kollegen wurde ohne Umschweife und einstimmig diese Person identifiziert: ICH. Bestürzt über die Entwicklung wandte ich mich an den nächsten Vorgesetzten, den Geschäftsführer und bat um Unterstützung bei der Einschulung und um einen anderen Büroplatz. Völlig verzweifelt gestand er, dass er nichts tun könne, weil er selbst Angst vor dieser Dame hätte. Als mich dann auch noch die Kollegin im (Alp)Traum verfolgte, reichte ich die Kündigung ein.

Lessons learned:
Niemals darf man davon ausgehen, dass man immer und überall gut ankommt. Vieles lässt sich durch Reden klären, aber nunmal nicht alles (und schon gar nicht derart Haarsträubendes). Was man aber in jedem Fall tun sollte, ist Dinge nicht persönlich zu nehmen. Wer mit sich im Reinen ist, geht meist gut mit anderen um. Die Leute, die sich anderen gegenüber schlecht benehmen, haben häufig mit sich selbst ein gravierendes Problem und nicht mit ihrem Gegenüber. Was dazu kommt: sie wissen es oft gar nicht oder versuchen sich drüber hinweg zu täuschen, indem sie es an anderen auslassen. Und in manchen Fällen, wenn der Karren derart tief im Dreck steckt, hilft nur mehr die Trennung. Immer, wenn ich darüber nachgedacht habe, was ich hätte anders machen können, ist mir nur eingefallen, dass ich vielleicht auch einmal im selben Ton zurück reden hätte können. Ob es etwas gebracht oder geändert hätte, ist fraglich, aber ich hätte mir vielleicht den Alptraum erspart.
 
In einem kleinen, feinen Unternehmen, in welchem es der Geschäftsführer geschafft hatte, mit seinem guten Gespür für Menschen und seinem Respekt vorm Gegenüber ein wertschätzendes Klima zu schaffen, in dem erfolgreich gearbeitet wurde, passierte Schreckliches, als er plötzlich nicht mehr da war. Während er in der Hierarchie aufstieg, verfiel sein Team in einen faulen, mobbenden Haufen - zumindest ein Teil davon. Der andere Teil versuchte mit fast übermenschlicher Energie aber vergeblich, das am Leben zu erhalten, was der Geschäftsführer geschaffen hatte. Während wir ursprünglich ein sehr familiäres, freundschaftliches Klima pflegten und eine Einheit nach außen bildeten, entstanden Neid, Mißgunst, Mobbing und ein offenes gegeneinander Aufhetzen. Ich nutzte diese Entwicklung, mich anderweitig zu orientieren und - wie ich erst viel später erfuhr - noch vor dem großen Krach das Weite zu suchen. Offenbar war es im weiteren Verlauf zu  Mobbing-Attacken in der Extremform gekommen. Diebstähle von Kassageld wurden absichtlich fälschlich unterstellt. Schreiduelle waren an der Tagesordnung. Anstatt zu arbeiten, wurden Fehler und Schuldige gesucht und verurteilt. Lange Zeit hatte man versucht, die Augen vor diesen Entwicklungen zu verschließen. Erst als die treibenden Kräfte dieser emotionalen Verwahrlosung entfernt und die neue Führungskraft sich auch ihrer sozialen Verantwortung bewusst wurde, beruhigte und normalisierte sich die Situation langsam wieder. So wie früher wird es aber vermutlich nie mehr.


Lessons learned:
Mobbing kann (fast) jeden treffen. Und gerade die, die nicht mit den Wölfen heulen, bieten häufig Angriffsfläche. Das beginnt schon im Kindergarten, dass die Kinder, die sich durch etwas von der Gruppe abheben, sei es durch Optik oder Verhalten, mit großer Vorliebe sekkiert werden. Etwas das anders ist, macht auch vielen Erwachsenen noch Angst. Besonders unsichere Menschen fühlen sich alleine schon dadurch auf den Schlips getreten, indem jemand sich beispielsweise vernünftiger als sie gebärdet. Und das reicht vollkommen als Stein des Anstoßes. Wenn es zusätzlich auch keine fähige Führungskraft gibt, die der Meute Orientierung gibt und dem Wildwuchs Einhalt gebietet, sind dem Unfug Tür und Tor geöffnet.

Was also tun, wenn es passiert? Meine erste persönliche Empfehlung: Wehret den Anfängen! Ich lass mir lieber unterstellen, ich höre das Gras wachsen oder ich "bilde mir etwas nur ein", als dass ich mich nochmal einem derart ausgewachsenen problematischen Mob ausliefere. Mein zweiter Rat: auf jeden Fall darüber reden. Bloß keine Angst davor, das Mobbing anzusprechen. Still halten und hoffen, dass es vorbei geht, funktioniert nicht. Wenn man sich den vermeintlichen Rädelsführer heraus pickt und zur Brust nimmt, kann man oft schon einiges erreichen. Und wenn das nicht klappt, dann gibt es noch viele andere Stellen, an die man sich wenden kann: Vorgesetzter, Personalabteilung, Betriebsrat und im schlimmsten Fall auch externe Stellen, wie AK oder Gewerkschaft.

Gleich zwei mal habe ich es in meinem bisherigen Berufsleben geschafft, mir einen richtig bösen Choleriker als direkten Vorgesetzten einzutreten. Und das Gemeine daran, es war in zwei aufeinander folgenden Jobs. Im ersten hatte sich der Choleriker, der keine Gelegenheit ausließ, um wie verrückt um sich zu brüllen, nach rund einem Jahr aus Österreich in die Zentrale nach Belgien zurück gezogen. Damals knallten die Sektkorken (in Österreich, in Belgien trug man stattdessen Schwarz) und wir fühlten uns (zumindest für kurze Zeit) wie im Himmel. Dennoch wechselte ich ein Jahr später in ein Start-Up. Ich erinnere mich, als wäre es gestern gewesen, dass mich der Personalberater beim Vorstellungsgespräch für diesen Job fragte: "Frau Mannsberger, gibt es etwas, das Sie in Ihrem neuen Job keinesfalls haben möchten?" Und ich antwortete wie aus der Pistole geschossen: "Einen Choleriker als Chef!" Ich ertrug die täglichen stundenlangen Schrei- und Fluch-Orgien des Firmengründers - meines Chefs - fast vier Monate lang. Irgendwann merkte er, dass ich morgens nicht mehr so glücklich und unbeschwert durch die Bürotür spazierte wie zu Beginn meiner Tätigkeit und pflaumte mich an, ich solle mich gefälligst selbst motivieren, weil er motiviere nur mit Geld. Und nachdem Geld nicht die Welt ist und meine Motivation schlagartig stieg, wenn ich die Bürotür abends hinter mir zu machte, beschloss ich, diese für immer hinter mir zu schließen.

Lessons learned:
Shit happens! Gleich zwei mal hintereinander ist Pech - drei mal hätte schon Methode. Da müsste man sich fragen, warum suche ich mir immer Choleriker als Bosse. Aber nachdem es nicht mehr vorkam, habe ich es als wirklich verdammt blöden Zufall verbucht und mit wenig Schaden an Körper und Seele ad acta gelegt.


Ich habe Firmenchefs erlebt, die morgens durch Büros und Hallen gehen und jedem, der ihnen über den Weg läuft, die Hand schütteln. Die sich geduldig und einfühlsam die Antwort auf ihre "Wie-geht's-Frage" anhören. Sie sind selten. Es muss wahr sein, dass die Luft da oben dünner wird und scheinbar stellt sie etwas an mit den Gehirnen dieser Menschen. Sie greift offenbar gerade die Gehirnzellen an, die für Empathie und Menschlichkeit zuständig sind; die gespeichert haben, wie wichtig Wertschätzung ist, wie motivierend ein paar persönliche Worte und ein freundliches Shake-Hands sein können.

Aber es gibt gute Nachrichten: den Abteilungsleiter einer Ex-Firma, der meine an ihn gestellten Fragen niemals mir direkt, sondern immer nur meinem Chef beantwortete (und der wiederum vergaß sie mir weiter zu leiten), gibt es dort nicht mehr. Den CEO, der sich ein Jahr lang vor dem Fußvolk in seinem Büro versteckt hatte, um dann vor die versammelte Belegschaft zu treten und zu sagen: "Mich kennen eh alle!", gibt es dort nicht mehr. Die Personalchefin, die sich hinter geschlossenen Türen ausschließlich mit der eigenen Karriere beschäftigte, die sich profilieren wollte, indem sie Mitarbeiter bei der Geschäftsleitung vernaderte, die gibt es nicht mehr. Der Projektleiter, der Angst hatte, dass sein Nachfolger besser sein könnte als er und daher, anstatt zu schulen, nur Fehlersuche betrieb, der die Fragen des Nachfolgers mit einem höhnisch-rhetorischen: "Waaas? DAS weißt du nicht?" abtat, auch den gibt es nicht mehr. Auch den Kollegen, der mein Diplomzeugnis einscannte, um meinen durch seinen Namen zu ersetzen und sich damit teuer honorierte Beratungsaufträge erschwindelte, gibt es längst nicht mehr.

Niemand legt an der Firmentüre seinen Charakter ab und keiner kann sich den ganzen Tag lang verstellen. Das verlangt auch niemand. Aber wenn ihr das Problem habt, dass ALLE anderen doof sind und nur ihr wieder einmal die Welt retten müsst, dann nehmt euch bitte einmal die Zeit für eine ordentliche Reflexion und ein ehrliches Gespräch unter vier Augen mit jemandem, der euch offen und ungeschönt seine Meinung sagt.

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