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Die soziale Verantwortung - Teil 2

Wie versprochen möchte ich euch auch noch mein zweites ehrenamtliches Standbein seit Beginn meiner Arbeitslosigkeit vorstellen: das Rote Kreuz (nach ein paar Monaten meiner Tätigkeit bekam ich dieses schöne rote Mitarbeiter-T-Shirt hier - ich hätte stolzer nicht sein können.).

Als ich meine Bewerbung verschickte, hatte ich keine Ahnung, wie vielfältig die Möglichkeiten sind, sich ehrenamtlich als Rotkreuzler nützlich zu machen. Und angenehm überrascht war und bin ich nach wie vor über den lockeren und freundschaftlichen Umgang, der hier gepflegt wird. Völlig egal, wo ich mich umtue.

Beim "Ehrenamts-Shopping im Rotkreuz-Supermarkt"** entschied ich mich für einen Bereich, für welchen ich mich schon vor Längerem einmal beworben hatte, allerdings von einer anderen Seite: die Team Österreich Tafel https://oe3.orf.at/teamoesterreich/stories/teamoesterreich-tafel/. Schon im März 2010, als diese wunderbare österreichweite Einrichtung in Gemeinschaft zwischen Ö3 und dem Roten Kreuz auf die Beine gestellt wurde, hatte mich die Idee der Tafel wahnsinnig begeistert und ich wollte gerne mitmachen. Aber damals schien die Zeit noch nicht reif für mich und dieses Ehrenamt. Nach dem Motto "Sammeln statt Vergammeln", "Verwenden statt Verschwenden" werden sogenannte Überschusslebensmittel, sprich Waren, welche Supermärkte nicht mehr verkaufen können, weil sie abgelaufen oder kurz vorm Ablaufdatum sind, in unserem Bezirk am späten Samstag Nachmittag von einem Team eingesammelt und nach Mattersburg (in die Michael-Koch-Strasse 44, vlg. https://www.roteskreuz.at/bgl/dienststellen/mattersburg/was-wir-tun/team-oesterreich-tafel/) gebracht, wo sie von einem anderen Team sortiert und arrangiert werden für die im Anschluss stattfindende Ausgabe. Die drei bis vier Stunden, die es dauert, bis alles eingeordnet und auch wieder an die "Kunden" ausgegeben wird, vergehen wie im Flug. Im Team herrscht ein von Hilfsbereitschaft und enormer Tatkraft geprägter Esprit. Jeder packt ordentlich an, keiner hat Angst, sich schmutzige Finger zu machen und es summt und brummt vor Eifer wie im Bienenstock.

Kaum sind die Waren arrangiert, geht auch schon die Vergabe los. Die Reihenfolge, in der die Kunden bedient werden, wird gelost (um einen friedlichen und gerechten Ablauf zu gewährleisten) und wir bemühen uns, anhand der jeweiligen Familiengröße, um eine möglichst optimale und gerechte Verteilung der verfügbaren Waren. Nicht immer sind Grundnahrungsmittel in für alle ausreichender Menge vorhanden. Und wir teilen auch schon mal Großpackungen auf kleinere Gebinde auf und öffnen Verpackungen, um die Waren auch in Kleinmengen und somit an mehrere Familien vergeben zu können. Klassische Beispiele sind Kartoffeln, Obst, Nudeln, Eier, Kaffee, Süßigkeiten, etc.

Die Vielfalt der Menschen, die ich hier antreffe und kennen lerne, könnte größer nicht sein. Da ist beispielsweise die unglaublich selbstsichere, alleinstehende muslimische Frau mit vier (!!!) Kindern; oder der junge Migrant, der schon fast perfekt Deutsch spricht und stolz ist, dass er neben seiner Lehre als Fliesenleger auch im Gartencenter jobbt; die Bekannte aus dem Nebenort, die seit vielen Jahren Notstandshilfe bezieht, und dabei aussieht wie ein Kleidermodel; die Nachbarin, die für ihre Mutter Waren holt und sehr bescheiden und dankbar für jeden Artikel ist; der Mann mittleren Alters, der so sehr nach der Schokolade giert, die wir aber lieber an Familien mit Kindern vergeben; die kleine, weißhaarige Frau in meinem Alter, die sehr bedacht darauf ist, gesunde Lebensmittel zu erwerben; und noch viele weitere interessante Menschen.

Vom Gymnasium, in dem auch ich dereinst acht Jahre lang die Schulbank gedrückt habe, kommen auch immer wieder junge Helfer dazu. Dort hält man - und mir tut es leid, dass es das zu meiner Schulzeit noch nicht gab - die jungen Menschen an, sich sozial zu engagieren und bietet vielfältige Möglichkeiten. Eine davon ist eben die Team Österreich Tafel. Und dann gibt es noch solche Personen, die beides sind: ehrenamtliche Mitarbeiter UND Kunden. An einem Abend bedient jeder von uns rund 7-10 Kunden und wenn ich nachhause komme, setze ich mich immer zuerst hin und lasse den Abend nochmal Revue passieren. Ich versuche mich an alle, die ich betreuen durfte, zu erinnern und an die Eindrücke, die ich dabei gesammelt habe. 

Am meisten erstaunt mich, dass immer alles friedlich abgeht. Niemand randaliert oder schimpft oder macht sich sonst irgendwie negativ bemerkbar. Das war (wie ich gehört habe) auch nicht immer so - aber man hat hier in den acht Jahren seit der Gründung dazu gelernt und Regeln geschaffen, die einen reibungslosen Ablauf soweit wie möglich sicher stellen. Natürlich gibt es die "einfacheren" Kunden, die unsere Regeln ohne Diskussion akzeptieren und wieder andere, die hinterfragen und nicht einfach hinnehmen, was wir vorgeben. Aber all das passiert in einem moderaten Rahmen und so, dass am Ende alle zufrieden auseinander gehen. Das ist zumindest mein Eindruck, wenn ich zwischen ein und drei Mal pro Monat Teil dieses eifrigen Teams sein darf.

Als ich noch in Wien gelebt habe, bin ich ein paar Mal Blut Spenden gewesen - das hatte so nebenbei den Vorteil, dass man gleich auch eine grobe Analyse seines Blutes erhielt. Seit ich wieder am Land lebe, bemühe ich mich, zumindest an ein oder zwei der viermal jährlich stattfindenden Blutspendeaktionen hier im Ort teilzunehmen. Als Blutspender kam ich mir immer richtiggehend hofiert vor - die Rotkreuzler, die ich dabei antraf, haben sich sehr zuvorkommend verhalten und uns Spendern das Gefühl vermittelt, etwas Wertvolles zu tun. Zwischenzeitlich gehöre ich auch zu diesem Team, das die Spender nach dem "Anzapfen" ein wenig verwöhnt und Dankbarkeit zollen will. Auch die Blutspendeaktionen finden - wie alles andere - an Samstag Nachmittagen statt. Das Ortsgruppen-Team von ehrenamtlichen Rotkreuzlern findet sich eine Stunde vor Start an der jeweiligen Lokation ein (in Pöttsching stehen die Volksschule, das Pfarrheim und das Feuerwehrhaus dafür zur Verfügung) und beginnt die Rahmenbedingungen zu schaffen - Stromverteiler anschließen, Kaffee kochen, Tische für die Verpflegung nach der Spende aufstellen und bestücken, gespendete oder selbst gebackene Kuchen auf Tabletts verteilen und bereitstellen, etc.

In dieser Zeit trifft auch das Team, das die Blutabnahme durchführt, ein und nach einer herzlichen Begrüßung und Vorstellung laden wir gemeinsam deren Equipment sowie Getränke, Speisen und diverses Zubehör wie Becher, Servietten, etc. aus. Immer wieder treffen auch einige Spender früher ein und packen ordentlich mit an. Mich begeistert dieser Teamgeist über alle Maßen. Vor etlichen Jahren hielt ich mich - aufgrund meiner damaligen Lebensumstände - für einen Einzelgänger und Eigenbrötler. Zwischenzeitlich habe ich mich - beruflich wie auch privat - als begeisterter Teamworker gemausert. Eine Eigenschaft, die ich mit dem Brustton der Überzeugung auch bei Bewerbungsgesprächen hinaus posaune.

Diese Spendennachmittage dauern rund fünf bis sechs Stunden und verlaufen sehr entspannt und ruhig. Wir Helfer von der Ortsgruppe nutzen die Zeit auch zum Tratschen untereinander und mit den Spendern und natürlich auch um selbst zu spenden. Nachdem der letzte Spender verbunden und kulinarisch versorgt ist, wird langsam wieder zusammen gepackt und wir legen auch wieder mit Hand an beim Einladen in den Rotkreuz-Wagen. An so einem Spendenachmittag kommen an die 80-100 Spender. Viele davon sind Wiederholungstäter und man freut sich, sie zu sehen.

Wer regelmäßig spendet bekommt übrigens das Formular, das der Spender vor Ort auszufüllen hat, bereits mit den persönlichen Daten ausgefüllt, per Post vorab zugesendet. Mit Spendeausweis und Lichtbildausweis (seit 2016 Pflicht) kann man sich gleich direkt bei der Aufnahme einreihen, ohne Zwischenstopp beim Formulare ausfüllen. Und sobald die eigene Blutspende an einen Patienten geliefert wurde, erhält man ein SMS mit der Info, in welches Krankenhaus sie ging und wann man frühestens wieder Blutspenden darf. Ich mag diese Zusatzleistungen sehr, denn es motiviert, beim nächsten Mal wieder mit dabei zu sein.

Ich war "schon" 47 als ich beschlossen habe, etwas zu geben, das heutzutage absolute Mangelware ist: Zeit !!! Und ja, ich bin eine Spätberufene. Aber wenn ich mich beim Teammeeting im Pflegeheim umsehe, bin ich eine der Jüngeren, wenn nicht sogar die jüngste Ehrenamtliche. Beim Roten Kreuz hingegen habe ich teilweise sehr viel jüngere Kollegen. Und auch diese Vielfalt spornt mich an und motiviert mich. Und was ich eigentlich noch los werden möchte an der Stelle ist, dass es nie zu spät ist, sich sozial zu engagieren. Egal, ob es in der Arbeitslosigkeit oder neben einem normalen Job oder später in der Pension ist. Die Möglichkeiten sind so vielfältig und ich denke, jeder kann etwas für sich finden, das ihm entspricht und Spaß macht.

Übrigens, in Österreich leisten 46% (!!!) der Bevölkerung ab 15 Jahren in irgendeiner Form Freiwilligenarbeit: http://www.freiwilligenweb.at/de/freiwilliges-engagement/%C3%B6sterreich


** Man verzeihe mir diesen Ausdruck, der aber hier so gut passt, weil ich bei meinem Vorstellungsgespräch den wunderbaren Eindruck gewann, dass man nicht versucht, mich zu irgendetwas zu drängen, sondern sich Zeit genommen hat, heraus zu finden, was ich möchte, wofür ich geeignet bin und wo ich gut hinpassen könnte. Danke an die liebe Kathi Meidl an der Stelle dafür!!!!

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