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Die soziale Verantwortung von Glückskindern - Teil 1

Ich hatte Glück im Leben. Gleich von Anfang an. Ich bin als gesundes Kind in wohl geordnete soziale Verhältnisse geboren worden. Meine Eltern waren fleißige, ehrliche Leute, die mir neben einer ordentlichen Ausbildung auch ermöglicht haben, alle gängigen Sportarten zu lernen und in entfernte Teile der Welt zu reisen. Die mir Werte vermittelt haben, für die ich ihnen sehr dankbar bin. Zudem lebe ich als Frau in einem Land und in einer Zeit, in welchen es mir freisteht zu tun und zu lassen, was ich möchte. Ich musste nie (unfreiwillig) Hunger leiden, wurde nicht geschlagen, kenne die Grausamkeit und Brutalität eines Krieges nur aus den Medien. Ich kann mir nicht vorstellen, wie es ist, wenn man einer Minderheit angehört, die ausgegrenzt, verfolgt, vertrieben, mißhandelt, eingesperrt, gefoltert oder getötet wird.

Und doch gehöre ich mit all dem zu einer (global gesehen) ganz kleinen, unsagbar glücklichen Minderheit. Die meisten Menschen in meinem Umfeld gehören dazu und vielen ist es vielleicht nicht mal bewusst, dieses Privileg, das wir uns mit nichts verdient haben (zumindest nicht in diesem Leben) - das einzig durch die Geburt in das Hier und Jetzt geschenkt worden ist.

Mit dem Bewusstsein, was für ein Glückskind ich bin, kam auch der Wunsch, mich dafür erkenntlich zu zeigen. So war mein erster Akt in der Arbeitslosigkeit die Suche nach Wegen und Möglichkeiten, dies in die Realität umzusetzen. Mit dem Luxus, jede Menge Zeit zur Verfügung zu haben, bewarb ich mich - fast wie für einen Job - an zwei Stellen, die - wie mir schien - großen Wert auf die freiwillige sprich unentgeltliche Mitarbeit legen. Prompt erhielt ich positive Rückantworten und in kürzester Zeit durfte ich mich "ehrenamtliche Mitarbeiterin" nennen, worauf ich - zugegeben - sehr stolz bin.


Seitens des Pflege- und Betreuungszentrums Wr. Neustadt (http://www.pbz-wrneustadt.at/ber-uns/ehrenamt) folgte als Antwort auf meine "Bewerbung" sehr rasch diese herzliche Einladung:
Bei uns gibt es ein Team von Freiwilligen und wir freuen uns immer über "Zuwachs", da der Bedarf an der persönlichen Betreuung unserer BewohnerInnen wie Gespräche, Spaziergänge, Spiele spielen usw. sehr groß ist.
Wie Sie auf unserer Homepage vielleicht schon gesehen haben, gibt es sehr viele Möglichkeiten der ehrenamtlichen Mitarbeit.
Ich möchte Sie gerne zu einem persönlichen Gespräch einladen, damit Sie unser Haus kennenlernen bzw. damit wir genaueres besprechen können. 

Im Team der großen Gruppe von Ehrenamtlichen wird man fast wie ein Familienmitglied aufgenommen - alle sind per "Du" - und die Wertschätzung, die man seitens der fix Angestellten erfährt, tut gut. Jede und jeder Neue startet erstmal im "Club" - hier bemüht sich zu fixen Öffnungszeiten von Montag bis Freitag ein gemischtes Team aus fix Angestellten und Ehrenamtlichen um das Entertainment der Bewohner aus allen Bereichen. Die Teilnahme beruht auf Freiwilligkeit. Neben der witzigen und informativen Aufarbeitung aktueller Themen (christlich Feste, Muttertag, etc.) wird hier gespielt, gebastelt, geplaudert und viel gelacht.
Meine Intention war es dennoch, so rasch als möglich, unabhängig vom Terminplan der Clubber zu werden und jemanden zu finden, um den ich mich exklusiv "kümmern" konnte.

So ergab sich bald der regelmäßige Sonntagsbesuch bei einer noch neuen und sehr unglücklichen älteren Bewohnerin im Rollstuhl, die ansonsten kaum noch Besuch von auswärts erwarten durfte. Ihre schroffe und teils sehr bestimmende Art war für mich anfangs gewöhnungsbedürftig und es dauerte eine Weile, bis ich lernte, damit umzugehen, ohne ihre sehr direkten Bemerkungen persönlich zu nehmen. An einem Tag weigerte sie sich beharrlich, dass ich sie in ihren Wohnbereich zurück brachte. Sie war überzeugt, dass ich sie in den falschen Bereich fahren würde und wies mich herrisch an, in eine andere Richtung zu fahren. Resignierend tat ich das schließlich, weil ich hoffte, dass sie ihren Fehler selbst erkennen würde, sobald sie die fremde Umgebung sah. Und meine Hoffnung wurde erfüllt. Mehr sogar. Die ersten Pflegerinnen, die uns in dem falschen Bereich über den Weg liefen, herrschte sie an, sie mögen uns sofort zeigen, wo die richtige Station wäre, weil "Die da (gemeint war ich) kennt sich nicht aus und ist zu blöd, den Weg zurück zu finden." Ich musste erstmal tief Luft holen und war mir nicht sicher, ob ich lachen oder verzweifeln sollte. Dass sie mit anderen, allen voran dem Betreuungspersonal, nicht freundlicher umsprang, war mir dabei tatsächlich ein wenig Hilfe und Trost.

Aber die große Liebe sollte noch entstehen. Es passierte, als ich sie einige Wochen später nach einem unserer Spaziergänge bzw. -fahrten wieder zurück auf ihren Platz im Gemeinschaftsraum gebracht hatte. Nachdem ich sie im Rollstuhl auf den Wegen rund ums Pflegeheim geschoben und versucht hatte, ihr mit Plaudern und Singen das Leben abwechslungsreich und kurzweilig zu gestalten, verabschiedete ich mich und versprach, bald wieder zu kommen. Körperlich war ich bereits aus ihrem Gesichtsfeld verschwunden, aber ich konnte noch hören, wie sie mit Stolz in der Stimme ihrer Sitznachbarin erklärte: "DIE (gemeint war wieder ich - meinen Namen konnte sie sich nicht mehr merken) kommt in ihrer FREIZEIT zu mir und bekommt nicht einmal was dafür bezahlt." Mit einem breiten Lächeln verließ ich den Wohnbereich, da ich nun wusste, dass es ihr eine Freude bereitete und das war mehr Dank, als ich jemals erwartet hätte.

Bei unserem nächsten Treffen erzählte ich ihr von meiner kleinen, privaten Holundersirup-Produktion und sie rief begeistert aus: "Jö, den Holundersirup hab ich immer so gerne mögen. Wenn Ihnen was überbleibt, würden's mir ein bisserl was davon mitbringen?" Nichts lieber als das. Als ich das nächste Mal mit einem Fläschchen Hollersirup bewaffnet zu unserem wöchentlichen Treffen erschien, fand ich sie leider nicht vor. Man erklärte mir, sie wäre zu einem Routinecheck im Spital. So dauerte es eine weitere Woche bis ich wiederum mit einem Fläschchen Sirup in der Hand dastand und wieder vergeblich Ausschau nach ihr hielt. Als ich bei einer Mitarbeiterin nachfragte, wurde ich gebeten kurz zu warten, man müsse mir etwas mitteilen. Was ich in diesem Moment vermutete, wurde kurz darauf zur traurigen Gewissheit: meine Dame war unerwartet im Spital verstorben. Den Hollersirup nahm ich mit den Tränen kämpfend wieder mit nach Hause.

Mittlerweile bin ich - was auch schon wieder mehr als ein Jahr her ist - in der "Spielegruppe" gelandet. Ein ehrenamtlicher Kollege hatte diese Samstag Nachmittags stattfindende Aktivität vor vielen Jahren gestartet - für und mit Bewohnern von verschiedenen Bereichen und mit verschiedenen Geschichten und Handicaps. Mittlerweile hat er aus privaten Gründen seine Aktivität auf eine Person reduziert und ich führe - zumindest im Zwei-Wochen-Takt - für eine kleine Gruppe von drei bis vier Personen - den Spielenachmittag weiter.

Nebenbei bemüht man sich, das Leben der Bewohner durch zahlreiche Aktivitäten und Veranstaltungen abwechslungsreich und interessant zu gestalten. Eine davon ist der jährliche Rollstuhlausflug, bei dem es letztes Jahr bei angenehmen Temperaturen und trockenem Wetter in den angrenzenden Akademiepark ging und welcher mit einer ausgiebigen Jause inkl. musikalischer One-Man-Show endete.

Die schon erwähnte Wertschätzung der und das große Vertrauen in die ehrenamtlich Tätigen setzt sich aus sehr vielen Komponenten zusammen. Vierteljährlich finden Teamsitzungen statt. Hier trifft man viele der anderen (meist kommen eh dieselben) Ehrenamtlichen, erfährt Neuerungen und schaut sich auch mal einen Film gemeinsam an - kalte Platten und Getränke inklusive.

Daneben gibt es noch die Möglichkeit, an Gruppen-Supervisionen für Ehrenamtliche teilzunehmen sowie an Ganztags-Schulungen zu verschiedensten Themen wie beispielsweise "Validation" (https://de.wikipedia.org/wiki/Validation_(Pflege)) und "Generationenmanagement", welche für uns Ehrenamtliche kostenlos sind. Exklusiv für uns wird eine Weihnachtsfeier organisiert und als großes Dankeschön auch eine jährliche Einladung zu einer Veranstaltung wie Kabarett, Operette, etc. Und dann ist da noch eine um unser Wohl bemühte, sehr herzliche Dame, die hauptamtlich zuständig ist für uns Ehrenamtliche und die jederzeit für persönliche Gespräche und Anliegen zur Verfügung steht.

Ganz ehrlich? Ich würde es auch ohne das ganze Drum Herum machen, einfach, weil ich selbst auch Spaß dabei habe. Ich freu mir den sprichwörtlichen Haxn aus, wenn die Leute über meine kleinen Scherze lachen. Wenn die Bewohnerin, die so viel Wert auf abwechslungsreiches Essen legt, deren Handicap ihr aber nicht erlaubt, selbstständig zu Essen, mit Genuss und glücklich lächelnd in den gereichten Kuchen oder den frischen Toast beißt. Wenn ich den Wohnbereich betrete, um  "meine" Leute zum gemeinsamen Spielen und Blödidln zusammen zu trommeln, und das Gefühl habe, in eine große Familie zu kommen. Es ist mir fast peinlich, wenn sich jemand bei mir bedankt für etwas, das mittlerweile so selbstverständlich und nicht mehr wegzudenken ist aus meinem Leben, als hätte ich es immer schon gemacht. Und wo ich mir manchmal nicht sicher bin, wer mehr davon profitiert, soviel Spaß macht es mir.

P.S. Wer sich von meinem Bericht inspiriert fühlt, auch etwas in die Richtung zu machen, hat an diesem Samstag die wundervolle Gelegenheit, diese Pflege- und Betreuungseinrichtung im Rahmen der Veranstaltung "Kunst im Park" kennen zu lernen. Es gibt nicht nur jede Menge zu Essen, zu Trinken und zu Sehen, sondern auch die Chance, die Ehrenamtlichen bei ihrer Tätigkeit zu beobachten und sich entspannt und unverbindlich mit ihnen darüber zu unterhalten.
P.P.S. Demnächst folgt Teil 2 mit Details zur zweiten Stelle, an der ich mich noch beworben habe und wo ich mittlerweile ebenso lange Teil von zwei Teams mit völlig unterschiedlichen Tätigkeitsbereichen bin - was aber nicht minder Spaß macht.

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